markus hofer
 

 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
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Einen Organismus kennzeichne ich hier als eine mehr oder weniger in sich geschlossene Organisation von Organen. Ein komplett in sich geschlossener Organismus ist unvorstellbar, ein Perpetuum Mobile ist Illusion oder lediglich der Traum eines selbstherrlichen Tyrannen. Verschiedenste Lebewesen, Familien von Lebewesen, auch unterschiedlichste biologische und soziale Milieus, alle Arten von ökonomischen und nichtökonomischen Teilkomplexen und Organisationen, wie Vereine und Firmen, ganze Völkerschaften und Staaten können als Organismen bezeichnet werden. Alle Organismen haben Öffnungen – sie haben Augen, Ohren, Münder, Nasen, Haut, Geschlechtsorgane, Ausscheidungsorgane – Öffnungen, durch die sie sich äußern und entäußern sowie Öffnungen, durch die etwas in sie eindringt: Walderdbeeren, Befehle, Schall und Rauch, der Geruch von Thymian oder Zimt, Gespenster, Erregung und Erreger ... Organismen sind durchlässig, sie müssen durchlässig sein! Auf der Ebene der Organismen kommt die leibnizsche Vorstellung von fensterlosen Monaden einem Hungertod gleich; den Organismus und seine Organe würde eine Art von tödlicher Psychose befallen, sie würden in sich erstarren, verstummen, vertrocknen. Die Organisation der Organe, die Organisation der Körperöffnungen – dieser „Pforten der Wahrnehmung“ – bestimmen die Angst und Paranoia, die Lust und das Begehren eines jeweiligen Organismus. Den Organismus abschaffen, wie Artaud es wollte, der darum einen beständigen Kampf gegen die Organe führte, nämlich für einen „organlosen Körper“ reinen Begehrens – dies scheint mir in Bezug auf gewisse Organismen vorerst unmöglich.
Ich zeichne eine Karte einer in sich verschränkten Organisation von Kapital, Produktion und Konsumtion, die man einen Organismus nennen kann. Dieser Organismus – einem unbändig gefräßigen Monster gleich – kann scheinbar nur unter den Bedingungen seiner Expansion existieren. Wir sind die Organe dieses Organismus – dieses Monsters – mehr oder weniger mühelos austauschbare Organe, denn Organe sind Apparate! Trällert nicht die stupideste Arbeitsteilung ein permanentes Klagelied von Apparaten und Organen? Das Kapital produziert durch uns Waren aller Art, die im selben Ausmaß jene Zeit okkupieren sollen, in der wir keine Produktionsapparate sind. Die Waren greifen von allen Seiten nach uns, die Apparate der Werbung dringen in uns ein und fordern uns auf, Konsumtionsapparate zu werden. Diese enorme Penetration durch die Waren soll uns letztlich gesellschaftlich reglementieren und politisch überwachen. Innerhalb dieses Organismus sind wir zu bloßen Produktions- und Konsumtionsapparaten verkommen.
Von hier aus geht es weiter zu einer anderen Karte, die die Bewegungen der zunehmenden Überwachung eines paranoiden Organismus zeichnet, den wir Staat nennen. Wir kennen die verschiedenen Methoden von organisierter Überwachung, wie Abtasten, Abhören, jede Art von visueller Kontrolle, umfangreiche elektronische Datensammlungen werden angelegt, mechanische und genetische Fingerabdrücke genommen, Geldflüsse kontrolliert, Sprache reglementiert, politische Parolen ausgegeben, sozialer Druck wird erzeugt ... Am Ende stünde die totale Überwachung, die darauf abzielt, unsere privaten, profanen Räume zu beseitigen – die ohnedies eine Bedrohung der öffentlichen Kultur darstellen – um aus uns ausschließlich „öffentliche Organe“ zu machen, die sich in der „Gesellschaft des Spektakels“ letztlich selbst kontrollieren. Diese „öffentlichen Organe“ werden so organisiert sein, dass sie im staatlich ökonomischen Konzert so gut wie nur möglich ihre für sie vorgesehene Partialrolle spielen, um wiederum mühelos ausgetauscht werden zu können. Den Generalbass dieses Konzerts für Millionen bildet die Beschwörung der Gefahr einer Zerstörung unserer Kultur durch außerkulturelle Kräfte, wodurch eine permanente Bedrohung simuliert wird, die wiederum die Beseitigung unserer privaten Räume rechtfertigen soll. Es wird ein Konzert geben, vornehmlich in der Staatsoper, die die Welt bedeutet, und der paranoide Staat wird virtuos auf seinen öffentlichen Organen spielen wie ein Organist auf seiner Orgel. Orgie garantiert! Eine Orgie der Angst: Angst machen, die sich selber Angst einjagt, das ist die paranoide Bewegung, die zur Überwachung, Selbstüberwachung führt.
Ich zeichne eine Fluchtlinie, wie im Traum, es gibt kein „Entweder – Oder“, es gibt nur noch „Und“, alles überkreuzt und durchwebt sich, alle Konstanten, die einen Organismus bilden wollen, sind geflüchtet, verflüssigt. Die verschiedenen Sicht- und Darstellungsweisen stehen gleichberechtigt nebeneinander, es gibt keinen Grund, vorgängige und prinzipielle Unterscheidungen zu treffen. Der Mund kehrt wieder im Ohr und ob die Sprache aus dem Mund oder aus dem Ohr kommt ist vorerst noch nicht entschieden. Die Assoziationsfäden dringen zu keinem signifikanten Inhalt mehr vor, wir befinden uns auf der Flucht vor einer Semiotik der Macht, vor den starren Gefügen der Befehle, die in ihrem Gepäck den Tod bringen, denn der Befehl ist immer ein Stück Tod, und er ist die Konstante der autoritären und paranoiden Organisation. Es ist eine Flucht, die agiert und schöpferisch wird, Formen transformiert, Konturen auflöst, Metamorphosen erzeugt. Wir schließen die Augen und horchen, besser wäre noch: einfach die Ohren zu schließen und nicht zu gehorchen. Wir müssen zu оборотень1 werden, das heißt zu Menschen, die sich in Tiere und Dinge verwandeln können, um andere Erfahrungen zu machen; Erfahrungen, die sich nicht in traditionellen Machtgefügen einschließen lassen. Erfahrungen von Metamorphosen! Auch Gespenstwerden! Unsere Gespenster treten durch alle Öffnungen in uns ein, sie verdichten sich in unserem Inneren und fordern uns auf, uns zu verwandeln, nicht um sie zu werden, auch nicht um ihr Erbe weiter zu tragen, höchstens um sie von ihrem eigenen Erbe freizusprechen und ihre Selbstverwandlung in uns zu ermöglichen. Dies ist eine andere Form der Kommunikation. Wir müssen оборотень werden, um Mensch werden zu können.

markus hofer (2008)