markus hofer
 

 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
kopfexil

Noch liegt mein Seelenland brach, doch der Anfang einer dauernden Irritation war getan: Festgefügte Fuge und ein heimliches Licht, festgeschrieben in einem sich abblätterndem Unbewusstsein: Geisterdämmerung und jetzt schon ein drängendes Heimweh. Der Bühnenstoff ward getrennt, hineingefallen das Fast-Nichts in ein Noch-Nichts. Weltenlüge Kriegszustand und zwischen Rosen ein Dorngedanke.

Unter dem Maulbeerbaum ein verrottendes Kiefer und von den Feldern her wächst dir langsam ein Denken: wilde Narzissen: Mohnlandschaft und in gestundeter Zeit: ein Vorwurf sedimentierter Angst. Todessehnsucht und eine gewaltlose Betrachtung: nämlich der natürliche Hang zum Unnatürlichen. Trotzdem, oder besser: eben darum gingen wir fort, weiter, ausgesetzt, den Fluss entlang, bar jeder Hoffnung: entlobtes Land.

Dann an jenem Ort nicht wissen ob man dort richtig sei, recht sei, vielleicht rechtens sei, und diese Menschenexistenzermattung, dieses seinen Körper und seine Gedanken dahinschleifen, davonschleppen wie damals die Leiche meiner Mutter …dann zufällig ein Bild: spätnächtliches Schneegetriebe an einem völlig sinnlosen Kiosk, Welch Unort, Rastplatz, ein nächster Vorort, ein vorübergehender Endpunkt und dann doch wieder von sich selber bespitzelt werden.

Eine Schere Blech- oder Papierschere in deiner Hand und eine Wolke um deine Hüften, wie ein vom Wind aufgeworfener Rock.

Dein weiblicher Brotleib und Seele, aufgeschnitten und ausgehölt: aufgefüllt mit dem Begriff Welt, diesem Untier, eine Dingvernichtungsvorstellung dieser Begriff, ein Dingentstellungsgesuch, ein letztendlich nichtiges Nichts, ein philosophisches Todesurteil gegen alles Offensichtliche. Weltseelenblödsinn.

Kopfexil, ein läuten an nicht vorhandenen Türen, ein seelenloser Morgen nebst qualmenden Mülltonnen, eine sonnenbeschirmte Frau, lichtorange, zwischen Tränen im Abschied,

Dann nachts als ich hörte, dass dein Arm sich bewegte … und am Morgen, geschäftig im Hahnschrei, stöckelnde Schuhe, über steingepflasterter Erde unter mir: ein rhythmisieren der Zeit. Ich ging ans Fenster und sah die marmorne Stadt ein verlorenes Brautkleid unter gleißendem Schleier. So schliefst du denn noch und der Pfad deines Denkens wies den Weg: zurück in ein anderes Nichts.

Und ein Totentanz in deinen Träumen, als Spitze einer nicht vollzogenen Erinnerung: du willst vergessen, auch vergessen sein und du wartest: vielleicht ein plötzliches Taumeln vom Geländer der Welt und schon wieder dieser Lügenbegriff, Lügengriff, diese Weltenlüge.

Salzweiße Erde, Lehmgedanken und ein aus den Fugen geratenes Bewusstsein, verstaubt im alten Mantel der Weltflucht. Ein toter Vogel im leeren Rinnstein, Baumleichen im Vorstadtgarten, eine Ameise am Schneidbrett, Zitterpappeldasein im Licht unendlicher Sprachen. Babylonisches Konzil? Erdumspannende Un-Art eine für immer durchbrochene Stille: zwischen Menschen eine eine Menschenwelt, zwischen Natur eine Naturwelt und wieder dieser Lügengriff, dieses Nichts.

Deine Fenster mit hineingelegten Ziegeln verriegelt, verschlossen, wie mein Herzinnenraum versperrt für diese Gegend: Entgegend.

Ich sehe noch deine fallenden Hände, der Himmel trüb wie ein altes Leichentuch, traumloser Schlaf in Blau, ich weiß, rot verfallende Augen und eine alte Frau schilt gebückt den rostigen Morgen und stets dieselben Worte als Gegenstände, Gegenstandsworte, Entgegenstandsworte, verstellte Dinge, eine fensterlose Welt voll Geschichtsunrat.

Leise berührte ich deinen Arm. Armut und Mut in meiner liebenden Seele. Ich wusste dich den Weg gehen, denn du schlossest das Tor hinter dir und kamst mir dennoch näher, doch dieser vorstädtische Morgen und diese Sprache vom Nichts …

Die zurückgeworfene Decke im Zimmer, der gerade eben abgetrennte Fischkopf: stumme Verwunderung und das dünne Blut: Weinblätterblut, so wirst du traurig sein: getrocknete Nelke im schmelzenden Schneebett

Wattetag, mein Ich hängt in der Luft, ein verschriebenes Ich, ein Du, ein dir verschriebenes Ich-Du, während weiter hinter entschlossenen Türen die Entmenschungsmaschine ausweglos dahinrollt.

Und sieh ein Junge schlägt grundlos eine Kuh. Hörtest du die Nachtigallen in den Bäumen, fern vom Bahnhof ein Schleifen und vergraben unter zukünftigen Erinnerungen: eine Scheinexistenz: Symbolgeflecht und immer ein Zwischen: geschieden die Nacht vom Tag, geschieden die Geschlechter und wer sah dass es schlecht war?

Ein Teller vertrockneter Worte und die Landschaft in Flammen, längst vergessen eine luftlose Fahrt unter Wolken. Wie war dein Tag? Schien dir die Welt: Weltenunsinn und ein gänzlich neues Verhältnis zu den Dingen hattest du gesagt. Wie war das mit dem schüchternen Tier, der steingepflasterten Erde, dem Sandohr in der Tulpenvorstadt und dem ganzen Geschichtsunrat. Welche Worte hatte ich verwendet? Und war die Stimme noch vernehmbar gewesen?

Mauerlandschaften, oder ein verschwommener Tagtraum, zwischen Geschwistern: Gefieder, ein Denkmal wer dachte, und konntest du jenseits der Vogelbeersträucher noch etwas sehen? Wir saßen im Morgen verstreut während unsere Füße die Erde berührten und wie war das gemeint als dir die Welt ins Stocken geriet?

Und dann wenn alle Dinge heilig gesprochen sind dann werde ich dir entsagen, was von selbst du nie errietest: deine Abdankung, dein letzter Gedanke, mein Wille. Gottlos im Anfang von jeher mein Wort.

markus hofer (2004)