markus hofer

orfeus kharm

 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
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Die andere Seite : das ist kein Jenseits! Die andere Seite : oder Debords Gespenster deutet auf das Erbe Guy-Ernst Debords, gekoppelt an die phantastische Warnung vor einem pathologischen Traumreich, wie Alfred Kubin es uns 1908 vorführte. Die andere Seite : oder Debords Gespenster das ist ein Versprechen einer anderen Welt; eine Utopie einer neuen Praxis des Alltagslebens, des alltäglichen Zusammenlebens. Kennzeichnend für diese Praxis sind spielerische, experimentelle, alogische und autokritische Verhaltensweisen, die hierarchisierte Gewohnheiten, erstarrte Elemente von Theorie und Praxis, wieder verflüssigen und in ständiger Veränderung halten. Durch die Intervention von Spielen neuer Art wird eine radikale Umgestaltung der alltäglichen Lebensgewohnheiten angepeilt. Das so genannte „situationistische Spiel“, in dem jede/r Einzelne sowohl Akteur/in wie Zuschauer/in ist, zeichnet sich durch radikale Verneinung der Charakterzüge des Wettkampfes und der Trennung vom gewöhnlichen Leben aus. Eine Wissenschaft der Situation muß betrieben werden, die der Psychologie, der Statistik, dem Urbanismus und der Moral Elemente entnimmt. Die Elemente müssen in einem völlig neuen Ziel zusammenlaufen: der bewußten Kreation von Situationen. (...) Die zukünftigen Künste werden Umwälzungen von Situationen sein oder nichts. (Debord) Die wahre soziale Revolution und das Große Lachen lassen immer noch auf sich warten! (ok) Die einstige „Lebenskunst“ Daniil Charms´ kommt dem, was hier gemeint ist, sicher sehr nahe. Er notierte 1937 in sein Tagebuch: Mich interessiert nur Quatsch, was gar keinen praktischen Sinn ergibt. Mich interessiert das Leben nur in seiner unsinnigen Erscheinung. Zudem sei auch auf das Buch Dada aus dem Koffer. Die verkürzte Geschichte der tragbaren Literatur von Enrique Vila-Matas hingewiesen. Bezüglich der Methoden halte man sich kritisch an die Situationistische Internationale: Empfohlen wird ein zielloses und forschendes Umherschweifen (dérive), indem man sich ohne festen Kurs dem Spiel der Umgebung aussetzt, dabei aber die bewusste Entwicklung eines Verhaltens forciert, das sich der Außenwelt zugänglich macht; ein Verhalten, das den Raum findet, erkennt, sich schnell entscheidet, verändernd eingreift, kurz mitspielt, sein individuelles Statement einstreut, sich wieder abwendet, um zu neuen Räumen zu gelangen. Dieses Verhalten erzeugt eine Art skurrilen Nomadentums in einem vieldimensionalen, offenen Raum. Unser Hauptgedanke ist der einer Konstruktion von Situationen – das heißt der konkreten Konstruktion kurzfristiger Lebensumgebungen und ihrer Umgestaltung in eine höhere Qualität der Leidenschaft. (Debord) Das Konzept des Umherschweifens ist untrennbar verbunden mit der Erkundung von Wirkungen psychogeographischer Natur und der Behauptung eines konstruktiven Spielverhaltens, was es in jeder Hinsicht den klassischen Begriffen der Reise und des Spazierganges entgegenstellt. Das dérive ist also ein mit der Suche nach anziehenden und abstoßenden Zeichen verbundenes Umherschweifen (z.B. durch die Straßen einer Stadt), und die Psychogeographie ist dabei die Erforschung der genauen Gesetze und exakten Wirkungen des geographischen Milieus, das bewußt eingerichtet oder nicht, direkt auf das emotionale Verhalten des Individuums einwirkt. (Debord, Rapport) Psychogeographie ist also eine Art Erkenntnistheorie des alltäglichen Lebens und Raumes, die es der Praxis ermöglicht, Macht und Raum immer wieder neu zu verteilen. Eine wichtige Methode stellt auch die Zweckentfremdung oder Entwendung (détournement) dar. Sie soll verleiten, verführen, ästhetische Artefakte und soziale Verhaltenskonventionen aus ihren Zusammenhängen entfernen und sie in neue selbst entworfene Zusammenhänge umleiten. Die zwei grundlegenden Gesetze der Entwendung sind die bis zum völligen Verschwinden gehende Bedeutungsminderung eines jeden autonomen entwendeten Elements und der gleichzeitige Aufbau einer anderen bedeutungsvollen Gesamtheit, die jedem Element seine neue Tragweite verleiht. (Debord) Die Entwendung (oder radikale Umfunktionierung) ist eine Geste, mit der sich das Spielerische der Lebewesen und Dinge bemächtigt, die in ihrer Ordnung hierarchisierter Teilbereiche erstarrt sind. Die Entwendung kann eine äußerst genaue Recherche aus Geschichte und Soziologie mit den Freiheiten der Poesie verbinden. markus hofer (2008)